Klaus Minges


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Kulturschätze rund um die Taklamakan

Auf der Seidenstraße von Turfan nach Dunhuang


Nach der Pamir-Expedition des AACZ wollten wir unseren Aufenthalt am anderen Ende der Welt geruhsam ausklingen lassen. So beschlossen wir, auf den Spuren der kaiserzeitlich-deutschen Asienforscher Le Coq und Grünwedel ein Stück der Seidenstraße zu bereisen. Wir hielten uns im wesentlichen an ihre Route von Urumqi über Turfan und Hami nach Dunhuang, was einem der nördlichen Äste der Seidenstraße entspricht. Bereits unsere Anreise aus Kirgisien über den Torugart-Pass entsprach ja einem Zweig dieser historischen Handelsroute. Mit der Karavanserai Tash Rabat im kirgisischen Tien Shan hatten wir bereits einen bedeutenden Überrest kennengelernt. Wie ein breiter Keil versperrt die Wüste Taklamakan den direkten Weg von China nach Westen und zwang die Karawanen, nach Norden oder Süden auszuweichen. Von Dunhuang, dem Zentrum am östlichen Ende dieser größten Sandwüste östlich Arabiens, zogen die Seidenhändler zum verschwundenen Oasen-Königreich Loulan (im heutigen Atomtestgelände Lop Nor) und dann entweder südlich, dem Rand des Kunlun-Gebirges entlang, oder auf der Nordroute am Fuß des Tien Shan weiter nach Kashgar, wo sich die beiden Karawanenwege am westlichen Ende der Wüste wieder trafen, um den Pamir zu passieren. Als zu Beginn der Tang-Dynastie (700 n.Chr.) Loulan wegen Wassermangel untergegangen war, entstand weiter nordöstlich ein Weg über Hami und Turfan, um an die Quellen des Tien Shan zu gelangen. Auch heute noch stellt diese Route die Hauptverbindungslinie der muslimischen Westprovinz Xinjiang ins sowohl geographisch als auch kulturell ferne Peking dar.

Mit leichtem Gepäck und vor allem ohne Zelt, Pickel und Seil, nur gerüstet mit wenigen Wörtern Chinesisch, stiegen wir mit einem einheimischen Fahrer und Reisebegleiter in den Mietwagen und nahmen unsere erste Etappe von Urumqi zur Senke von Turfan in Angriff. Beeindruckend waren die unendlich langen Asphalt-Geraden, die parallel zu den Ausläufern des Tien Shan fast unmerklich rund 1000 Höhenmeter hinab führen bis auf die virtuelle Meereshöhe. Im Hintergrund konnte man die letzten Schneeberge des Bogda Shan vermuten. Flimmernde Hitze der Geröllwüste, verzerrte Luftspiegelungen, monotones Wagengeräusch. Waren es Minuten - Stunden? Nur an den Kilometersteinen, die so nah aussahen und doch so lange brauchten, bis sie vorbeigezogen waren, konnte man erkennen, dass die 4000 km bis zur Nullmarke in Peking langsam dahin schmolzen.
Mit vereinzeltem Grün, ein paar Häusern, den ersten Pappeln mehrten sich die ersten Anzeichen der nahen Oase. Merkwürdige Erdhügel tauchten auf, ähnlich einer Kolonie von Riesenmaulwurfshaufen, stellten sich aber später als sichtbare Landmarks eines gewaltigen unterirdischen Wasserleitungssystems heraus. Schließlich sahen wir die Stadt selbst, eingebettet in riesige Rebgärten. Turfan, die Stadt in der Nähe des zweittiefsten Punktes der Erde (-154m) im Tarimbecken, wird geprägt durch ein extrem kontinentales Klima von weit über 40°C im Sommer bis unter -20°C im Winter. Nur die Trockenheit der Luft sowie ausgedehnte, schattenspendende Weinlauben, die zum Teil auch die Straßen überspannen, machen die Hitze halbwegs erträglich. Trotzdem konnten wir niemals auf die mittägliche Siesta im klimatisierten Hotel verzichten.
Als erstes stand ein Besuch bei den prähistorischen Mumien im städtischen Museum auf dem Programm. Die Trockenheit hat die Leichname von Astana, einer nahen Gräberstadt, gut mumifiziert und über 1700 Jahre konserviert. Die Art und Weise allerdings, wie die drei Mumien in unklimatisierten Glaskästen auf der Baustelle des Museums herumlagen, ließ doch einiges Befremden aufkommen.

Emin-Minarett, Turfan, Xinjiang, China

Nächster Punkt war die außerhalb der Stadt gelegene Moschee mit dem Emin-Minarett, das um 1780 im afghanischen Stil aus rohen Lehmziegeln zu einem kunstvollen, fein gegliederten Turm aufgemauert wurde. Malerisch fügt sich die Anlage zum Oasen-Bild der Rebgärten und Trockenhäuser. Letztere dienen der Rosinenproduktion, denn die hiesigen Moslems trinken keinen Wein, nur manchmal Schnaps. Erst in jüngster Zeit wird Wein für Zentralchina produziert - dünne, säurearme Gewächse. Wider Erwarten fanden wir doch noch eine Sorte, die sich für geschulte Europäer als genießbar erwies, produziert von einem westlichen Winzer.

Zurück in der Stadt blieb noch etwas Zeit, um den Basar zu durchstreifen. Reich war die Auswahl an Kulinarischem, von Shish Kebab über Nudeleintöpfe, Tortellini-ähnliche Teigtaschen bis zu gebratenem Hammelfleisch. Ein kurzer Blick in den Topf am offenen Feuer und eine einladende Handbewegung des Kochs reichten aus, um am Tisch Platz zu finden. Sofort hatten wir eine Schale Grüntee in der Hand und konnten kurz darauf unter den aufmerksamen Blicken der Kinder und Tischnachbarn die dicke Suppe in uns hineinschlürfen. Über den Preis war man sich schnell einig, und nach einer "Es-war-vorzüglich"-Geste machten wir uns zum nächsten Stand auf, um den Fleischgang in Angriff zu nehmen. Diese unkomplizierte Offenheit und Freundlichkeit wird uns wohl noch lange in Erinnerung bleiben.

Wandmalerei in Beziklik

Am nächsten Tag führte uns eine Rundfahrt zu den buddhistischen Grotten von Beziklik. Die ausgesprochen schöne Lage an den Steilwänden des grünen Murtuq-Tals mit den Schneegipfeln des Tien Shan im Hintergrund ließ den relativ schlechten Zustand der Innenausstattung vergessen. Die frühen westlichen "Archäologen" haben hier ganze Arbeit geleistet und sämtliche Figuren, denen nicht schon von fanatischen Moslems die Augen herausgekratzt worden waren, in europäische Museen abtransportiert.
Nach diesem etwas traurigen Zeugnis von religiöser Ignoranz und europäischem Kolonialismus ging es weiter zu den Ruinenstädten von Gaochang und Jiaohe. Durch das Fehlen jeglichen Regens konnten sich die bis zu drei Stockwerke umfassenden Lehmbauten über mehr als 1000 Jahre erhalten. Einzig die Winderosion hat bewirkt, daß die Unterscheidung, welche Gebäudeteile aufgemauert und welche aus dem Boden herausgehauen waren, meist nicht mehr möglich war. Zu stark waren die Lehmziegel zu einem Gefüge verfestigt und durch Sand und Wind zu bizarren Formen geschliffen worden.
Nachdem der Fußweg nach Jiaohe wegen einer Baustelle über die für "normale" Bustouristen zumutbaren fünf Minuten (bei 40° Hitze) deutlich hinausging, hatten wir die Stadt nahezu für uns allein und konnten die Abendstimmung genießen. Eindrucksvoll war die große Ausdehnung, wenn man durch die Hauptstraße entlang der Wohnungs- und Verwaltungsviertel bis zum zentralen Tempel spazierte.

Ruinenstadt Jaohe, Xinjiang, China

Zum Abschluß unserer Besichtigungsrunde durch Turfan durfte selbstverständlich das Grape Valley nicht fehlen. Anmutig liegt dieses Tal als grüne Oase inmitten unwirtlicher Wüstenei. Unter einem Meer von Weinreben verbirgt sich allerdings ein Touristenzentrum, in dem es von Andenkenständen, Getränkebuden und Rosinenverkäufern wimmelt. An einem Quellteich im Schatten die frisch gewaschenen kernlosen Trauben zu genießen, war allerdings ein paradiesisches Vergnügen, das uns all die touristische Vermarktung schnell vergessen ließ.

Der zweite Hauptpunkt unserer Taklamakan-Halbumrundung war die Oasenstadt Dunhuang, die wir nach einer Nacht in der Bahn und einer einstündigen Autofahrt erreichten. Dies war die erste und einzige Stadt unserer Reise, in der wir mit dem Han-chinesischen Kulturkreis in Berührung kamen und vom muslimischen Zentralasien Abstand gewannen. Deutlich beherrschen nun Rikschas das Straßenbild. Im Süden, direkt vor der Stadt, schwingen sich Sanddünen elegant in einige hundert Meter Höhe. Bei näherem Betrachten allerdings wandelt sich dieses Bild der Unberührtheit: Scharen von Touristen pilgern entlang des Dünenkamms hinauf, um das Schauspiel des Sonnenuntergangs zu genießen oder sich bei Sandsliding auf bereitgestellten Kissen oder gar bei Paragliding zu vergnügen. Nicht fehlen dürfen Kamele, Eisverkäufer, Imbißstände - kurzum: ein Wüstenrummelplatz. Am Fuß dieser Dünenlandschaft liegt der Mondsichelsee mit seinem stillen, klaren Wasser, quasi als Kontrapunkt zur unwirtlichen Umgebung. Als Lebensquell am Wüstenrand spielte er wohl eine entscheidende Rolle für die Bedeutung der Stadt Dunhuang in der Geschichte und Mythologie dieser Region.
Auf kulturellem Gebiet sind die Grotten von Mogao zweifellos die Hauptattraktion von Dunhuang. In diesem bedeutendsten Zentrum buddhistischer Kultur in China haben Mönche vom Jahr 366 bis ca. 1400 über tausend Höhlen in den weichen Sandstein gegraben. Diese wurden in kunstvoller Weise mit Malereien und Statuen ausgestaltet, die von der Trockenheit bestens konserviert wurden. Sie schildern die gesamte Zeitgeschichte, das alltägliche Leben sowie religiöse Vorstellungen und Mythen für einen ununterbrochenen Zeitraum von über 1000 Jahren. Das Zentrum bildet ein aus dem Berg gehauener, 30 m hoher Buddha. Auch eine gut erhaltene Bibliothek wurde gefunden. In dieser Form stellt Mogao eine einzigartige Stätte buddhistischer Kultur dar. Eine Auswahl von ungefähr 20 Grotten konnten wir besichtigen. Auch wenn wir die englischen Erklärungen unserer Führerin nicht immer verstehen konnten, so war doch die feine und abwechslungsreiche Gestaltung der dunklen Räume sehr beeindruckend - aber auch die Konsequenz, mit der man am Fotografieren gehindert wird: Meine Kamera wurde beschlagnahmt und nur nach Bezahlung einer empfindlichen Strafe wieder herausgegeben - ohne Film, versteht sich.

Der Abschlußbesuch unserer Reise entlang der Seidenstraße galt dem Wahrzeichen Chinas schlechthin, der chinesischen Mauer. Nach längeren Preisverhandlungen hatten wir einen Fahrer überzeugt, uns zu ihren letzten Ausläufern im Westen des Reiches zu bringen. Bis hinein in die Wüste Taklamakan reichte in der Han-Zeit (200 v.Chr. - 200 n.Chr.) dieser Schutzwall gegen die Nomadenvölker. Die heute noch sichtbaren Mauerreste, bis zu zwei Meter hohe Wände aus Stroh und Lehm, ziehen sich als schnurgerade Linie bis zum Horizont. Man braucht einen geschulten Blick, um die Wachttürme, die die Mauer begleiten, in der hügeligen Wüste zu erkennen. Bald fielen uns die charakteristischen Stroh-Lehm-Gebilde von beachtlicher Höhe überall ins Auge. In regelmäßigen Abständen gab es größere Befestigungsanlagen wie das bis heute erhaltene Jadetor (Yumenguan) westlich von Dunhuang, das den Endpunkt des chinesischen Herrschaftsraumes markierte. Jenseits, in den wilden Bergbächen des Kunlun, fand sich die in China überaus begehrte Jade, mit der die Könige der zentralasiatischen Reiche die chinesische Seide bezahlten.

Nach einer Nachtfahrt mit dem Zug zurück nach Urumqi ging es via Almaty und Istanbul zurück in die Schweiz. Mit vielen Eindrücken der buddhistischen Kultur, der Wüstenlandschaft der Taklamakan sowie der chinesischen Geschichte war diese Reise auf den Spuren der Seidenstraße eine perfekte Ergänzung und Abrundung der bergsteigerischen Erlebnisse der Aksay-Expedition 1998.

Guntram Koller, Klaus Minges

Mehr über die Expedition: AACZ


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Klaus Minges · Mail: klaus@minges.ch · Web: www.minges.ch